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Samstag, 23.07.2005 - 10:55 - Von
MarkoMaster
Ich ging zu einer Party, Mami, und dachte an Deine Worte. Du hattest mich gebeten, nicht zu trinken, und so trank ich keinen Alkohol. Ich fühlte mich ganz stolz, Mami, genauso, wie Du es vorher- gesagt hattest. Ich habe vor dem Fahren nichts getrunken, Mami, auch wenn die anderen sich mokierten. Ich weiß, dass es richtig war, Mami, und dass Du immer Recht hast. Die Party geht langsam zu Ende, Mami, und alle fahren weg. Als ich in mein Auto stieg, Mami, wusste ich, dass ich heil nach Hause kommen würde: aufgrund Deiner Erziehung-so verantwortungsvoll und fein. Ich fuhr langsam an, Mami, und bog in die Strasse ein. Aber der andere Fahrer sah mich nicht, und sein Wagen traf mich mit voller Wucht. Als ich auf dem Bürgersteig lag, Mami, hörte ich den Polizisten sagen, der Andere sei betrunken. Und nun bin ich diejenige, die dafür büßen muss. Ich liege hier im Sterben, Mami, ach bitte, komm´doch schnell. Wie konnte mir das passieren? Mein Leben zerplatzt wie ein Luftballon. Ringsherum ist alles voll Blut, Mami, das meiste ist von mir. Ich höre den Arzt sagen, Mami, dass es keine Hilfe mehr für mich gibt. Ich wollte Dir nur sagen, Mami, ich schwöre es, ich habe wirklich nichts getrunken. Es waren die anderen, Mami, die haben einfach nicht nachgedacht. Er war wahrscheinlich auf der gleichen Party wie ich, Mami. Der einzige Unterschied ist nur: Er hat getrunken, und ich werde sterben. Warum trinken die Menschen, Mami? Es kann das ganze Leben ruinieren. Ich habe jetzt starke Schmerzen, wie Messerstiche so scharf. Der Mann der mich angefahren hat, Mami, läuft herum, und ich liege hier im sterben. Er guckt nur dumm. Sag´meinem Bruder, dass er nicht weinen soll, Mami, und Papi soll tapfer sein. Und wenn ich dann im Himmel bin, Mami, schreibt "Papis Mädchen" auf meinen Grabstein. Jemand hätte es ihm sagen sollen, Mami, nicht trinken und dann fahren. Wenn man ihm das gesagt hätte, Mami, würde ich noch leben. Mein Atem wird kürzer, Mami, ich habe große Angst. Bitte, weine nicht um mich, Mami. Du warst immer da, wenn ich Dich brauchte. Ich habe nur noch eine letzte Frage, Mami, bevor ich von hier fortgehe: Ich habe vor dem Fahren nicht getrunken, warum bin ich diejenige, die sterben muss? Anmerkung: Dieser Text in Gedichtform war an der Springfield High School (Springfield,VA,USA) in Umlauf, nachdem eine Woche zuvor zwei Studenten bei einem Autounfall getötet wurden. Unter dem Gedicht steht folgende Bitte: JEMAND HAT SICH DIE MÜHE GEMACHT DIESES GEDICHT ZU SCHREIBEN GIB ES BITTE AN SO VIELE MENSCHEN WIE MÖGLICH WEITER WIR WOLLEN VERSUCHEN ES IN DER GANZEN WELT ZU VERBREITEN DAMIT DIE LEUTE ENDLICH BEGREIFEN WORUM ES GEHT |
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Samstag, 19.11.2005 - 21:17 - Von
MarkoMaster
Es ist Montag der 3. Juni 2010, 5 Uhr morgens. Der Radiowecker reißt Günther S. (46) aus dem Schlaf. Der Oldie-Sender spielt Modern Talking. Herr S. quält sich aus dem Bett. Gestern ist es etwas später geworden bei der Arbeit. Dienst am Pfingstmontag - mal wieder. Früher konnte er danach wenigstens ausschlafen. "Ja, ja, der Pfingstmontag", murmelt Herr S., "ist das wirklich schon sieben Jahre her?" Es hat sich wirklich einiges getan, seit damals. Nur nicht in seinem Haus. Als 2005 die Eigenheimzulage plötzlich doch gestrichen wurde, mußten sie Abstriche machen. Und inzwischen hat sich Familie S. daran gewöhnt. An die frei liegenden Leitungen und den Betonfußboden. Der Strom wurde auch mal wieder erhöht, jedes Jahr um 0,20EUR/kWh. Fernsehen und Pc hat die Familie ja schon lange abgeschafft, denn wer will schon 80EUR im Monat an die GEZ zahlen... Die Mehrwertsteuer muss erhöht werden, haben sie damals gesagt. Das würde auch Entlastung in der Haushaltskasse bringen. Sie wurde erhöht, auf genau 25%. Gut, denkt Herr S., dass damals die Garage noch nicht fertig war. Denn der Wagen ist längst verkauft. Zu teuer, seit es keine Kilometerpauschale mehr gibt. Und erst der Benzinpreis an den Tankstellen, der liegt nun ja auch bei 2,80EUR/Liter. Und mit Bus und Bahn dauert es in die City ja auch nur zwei Stunden. Und was man dabei für nette Leute trifft. Zum Beispiel die Blondine, die Herrn S. immer so reizend anlächelt. Zurücklächeln mag er nicht. Wegen seiner Zähne. Aber was will man machen? 3000 Euro für zwei Kronen sind viel Geld. Und schon die Brille mußte er selbst bezahlen. Hat dabei aber 15 Euro gespart, weil er nicht gleich zum Augen-, sondern erst zum Hausarzt gegangen ist. Wegen der Überweisung. Trotzdem: Der Urlaub fällt flach. "Das könnte Ärger geben zu Hause", stöhnt Herr S. vor sich hin. Traurig erinnert er sich an letzten Weihnachten. Als es nichts gab. 2009 wurde nämlich auch in der freien Wirtschaft das Weihnachtsgeld gestrichen. Im öffentlichen Dienst ist das ja schon länger her. "Und bis wann gab es eigentlich Urlaubsgeld?", fragt sich Herr S., er kommt nicht drauf. Damals hatte er noch genügend Urlaub, um das Urlaubsgeld aus zu geben. Heute sind es ja gerade mal 19 Tage im Jahr. Pfingstmontag? 1.Mai? Geschichte. Das stand nicht auf der Agenda 2010 - so hieß sie doch, oder? Aber man soll nicht meckern. Die da oben, weiß Herr S., müssen noch viel mehr ackern. Darum kann Günther S. mit der 45-Stunden-Woche auch ganz gut leben. Er hat auch keine Wahl. Seit der Kündigungsschutz auch in großen Betrieben gelockert wurde, mag man es sich mit den Bossen nicht mehr verscherzen. Wer will sich schon einreihen, in das Heer von neun Millionen Arbeitslosen? Aber den Feiertagszuschlag für den Dienst an Pfingsten vermißt er schon. Was soll es, in 24 Jahren, dann wird er 70, hat Herr S. es hinter sich. So üppig wird die Rente zwar nicht ausfallen, wenn das mit den Nullrunden weitergeht. Doch wer weiß, vielleicht bringt ihn das Rauchen vorher um. Obwohl er weniger qualmt, seit die Schachtel 12 Euro kostet. Aber heute, auf den letzten Metern zum Büro steckt Günther S. sich trotzdem eine an. Dieses E-Mail-Gedicht geht momentan durch ganz Deutschland, warum wohl??? Schick auch Du sie ruhig weiter .. kostet ja nix ... NOCH nix... |
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Mittwoch, 07.12.2005 - 22:09 - Von
MarkoMaster
Ausschnitte aus der Kurzgeschichte: Das Wochenende mit Spudolk Mein Name tut nichts zur Sache. Auch nicht Alter, Wohnort oder Schuhgröße. Ich ziehe es vor, anonym zu bleiben. Zumindest meinen Beruf wüssten Sie gern? Na gut. Ich verstehe, wäre ich ein Werbetexter oder Redenschreiber für Politiker, Sie würden meine Schilderungen wohl automatisch anzweifeln. Sagen wir also, ich bin ein ... Rechtsanwalt. Ja, das ist gut, gehobener Berufsstand und schon vom Prinzip her der Wahrheit verpflichtet. Das, was Sie nun zu lesen kriegen, hat nämlich tatsächlich so stattgefunden. Gestützt auf einzelne Aufzeichnungen habe ich alles wahrheitsgemäß aus dem Gedächtnis aufge-schrieben und nichts hinzu erfunden. Weil ich jetzt keine große Lust aufs Beteuern oder Schwören habe, machen wir es doch einfach so: Wer von Ihnen geneigt ist, meiner Geschichte zu glauben, wird mit Sicherheit seinen Gewinn daraus ziehen und seine persönliche Pocket-Philosophie damit bereichern können. Den Zweiflern sei gesagt: Nehmt das Ganze einfach als unterhaltsame Zerstreuung. Meinetwegen auch als geistreiche Belustigung. Gut, fangen wir also an. Ich war damals noch ... äh, Jurastudent. Schon im 12. Semester, der Abschluss war noch lange nicht in Sicht. Das Studium nervte mich damals gewaltig. Aber lassen wir das, diese Dinge sind nicht weiter von Belang. Sondern: Eines Morgens, es war ein Samstag, schlug ich die Augen auf und ein Typ saß vor meinem Bett. Schien da schon eine ganze Weile zu hocken, denn er schaute in einen seltsamen, dreieckigen Gegenstand. Wie ich später erfuhr, handelte es sich um ein fremdartiges Buch. Ich will hier nicht lange schildern, welchen Tanz ich aufgeführt habe, wie ich ihn rausschubsen wollte, ihn ange-schrieen habe usw. Er ließ das alles mit stoischer Ruhe über sich ergehen, kannte diese Situation vermutlich ganz genau und war darauf vorbereitet. Wie Spudolk in kürzester Zeit mein Vertrauen gewann und mich überzeugen konnte, dass er 1. ein Mensch von einem fernen Planeten und 2. in friedlicher Absicht gekommen ist ? das darf ich leider nicht schildern. Ich habe ihm mein Wort darauf gegeben, dieses Geheimnis zu bewahren. Mit dieser einen Wissenslücke werden Sie halt leben müssen. Mein Besucher hatte mittellange, glatte, dunkelbraune Haare, einen etwas kleineren Kopf als wir ihn auf den Schultern tragen und lange, kräftige Beine. Er trug einen silbrig-braunen Ganzkörpermantel mit vielen Taschen daran. Und einen kleinen gelblichen Rucksack in der Form eines Dreiecks mit abgerundeten Spitzen, eine davon nach unten zeigend. Das Auffälligste waren wohl seine vergleichsweise großen, freundlichen Augen, welche die Farbe zwischen weißlich-grün und tiefblau wechseln konnten. Ach nein, das Aller-Auffälligste war natürlich der Umstand, dass Spudolk sechs Finger hatte. An jeder Hand. Diese waren fast gleichmäßig groß und dick. Eine Entsprechung unseres Daumens war nicht dabei. Die Finger waren vielmehr im Kreis angeordnet, jedenfalls konnte er sie leicht so positionieren. Dies zeigte er mir natürlich nicht gleich am Anfang. Ich muss sagen, er wusste immer genau, was er tat. Was er mir verriet und vorführte, war immer sorgsam dosiert, so dass ich niemals besonders schockiert war oder mich übermäßig fürchten musste. Spudolk wirkte schon so wie ein Mensch, nur wesentlich freundlicher. Seine ruhige, unauf-geregte und dabei doch lebendige Art gefiel mir auf Anhieb. Dass wir bereits nach einer Stunde erstaunlich vertraut miteinander waren, lag sicher nicht nur an Spudolk. Ich hoffe, auch bei Ihnen stellt sich ein bisschen Stolz auf Ihren Planetengenossen ein, der diese große Chance nicht verspielte, sondern dem Fremdling rasch sein Vertrauen schenkte. Ich jedenfalls bin darauf mächtig stolz. Bevor mir Spudolk von seiner Heimat erzählen und den Grund für seine weite Reise erläutern konnte, musste erst einmal die Sprachbarriere abgebaut werden. Wichtig war dabei die Entschlüsselung der gebräuchlichsten Gesten. Sie glauben vielleicht, das Nicken mit dem Kopf wird kosmosweit als Zustimmung verstanden? Oh nein. Spudolks Zeichen für ?Ja!? sah anders aus: Er hob und senkte drei seiner Finger. Wollte er etwas verneinen, so fuhr er mit drei Fingern schräg durch die Luft. Diese Gesten darf man sich nicht als wildes Gefuchtel vorstellen. Es waren kleine, schnelle Bewegungen. Wenn sich mein Gast nicht sicher war, praktizierte er eine Mischung beider Gesten. Das sah ein bisschen so aus, als würde er sich bekreuzigen, sollte jedoch ?Vielleicht? darstellen. Weinen sah ich meinen außerirdischen Freund nie. Er strahlte immer Optimismus aus. Wenn er herzhaft lachte, wiegte er dabei seinen Kopf in verzückten Schleifen hin und her, was sehr ansteckend wirkte. Den Mund hielt er dabei geschlossen. Erst am Abend des Samstags fiel mir auf, dass Spudolk keine Zähne im Mund hat. Er musste es mir erklären: Die Zähne werden jedem erwachsenen Pluaoxier heraus operiert. Vor jeder Nahrungsaufnahme setzen diese Leute künstliche Kauplatten ein. Das Essen scheint bei ihnen vielleicht deshalb ein ziemlich intimer Vorgang zu sein, der nach Möglichkeit heimlich und allein erledigt wird. In Spudolks Welt würde niemand auf die Idee kommen, andere zum Essen einzuladen, das wäre einfach zu unhöflich. Nur Paare teilen gelegentlich auch diese Intimität miteinander, wenn ich es recht verstanden habe. Mir als Freund wurde diese Ehre selbstverständlich nicht zuteil. Spudolk und ich hatten die gleiche Körpergröße, nur geringfügig anders proportioniert. Als angenehm empfand ich, dass mein Gast völlig geruchsneutral war. Umgekehrt meinte auch er, meine Körperausdünstungen seien vergleichsweise gut auszuhalten. Wenn ich in meinen Schilderungen davon spreche, dass Spudolk und ich angeregt mitein-ander plauderten und Informationen austauschten, so hat man sich darunter kein munteres Gespräch vorzustellen, bei dem die Sätze rasant hin und herflogen. Die Kommunikation verlief meistens stockend und war mitunter sehr mühsam und langwierig. Es war viel interstellare Zeichensprache im Spiel, und meine sämtlichen Notizblöcke wurden im Verlauf der beiden Tage restlos vollgekritzelt, vor allem mit einer Unzahl kleiner Zeichnungen. Zwei menschliche Wesen mit denkbar unterschiedlichem Background und extrem abweichender Vita ? können die sich denn überhaupt tiefschürfend austauschen? Ja. Möglich wurde dies aber nur, weil sich Spudolk bereitwillig einer anstrengenden Prozedur unterziehen mochte. Mein außergewöhnlicher Gast schaute sich in meiner Studentenbude um und zeigte auf die Anlage und das CD-Bord. ?Musik?, meinte ich erläutern zu müssen und legte eine CD auf, wobei ich mich spontan für ?Major Tom? von Peter Schilling entschied. Spudolk hob höflich zwei Finger, sein Handzeichen für Lob. Er suchte aber weiter mein Wohnzimmer ab und zeigte schließlich auf das Bücherbord. Wie erklärt man am besten ein Buch? Indem man es aufklappt, kurz durchblättert und ein paar Stellen vorliest. So habe zumindest ich es gemacht. Spudolk bekam sofort große, leuchtende Augen, ein untrügliches Anzeichen für Interesse und geistige Erregung. Er ließ seine linke Hand kreisen ? das Zeichen für ?Warte!? ? und machte sich mit der rechten an seinem Rucksack zu schaffen. Zum Vorschein kam ein erstaunlich kleines Gerät. Während er daran herumbastelte und Zusatzteile aufsteckte, dämmerte mir, dass ich hier einen nicht-irdischen Mini-Computer zu sehen bekam. Tolle Sache! Auffällig war die dunkelbraune Färbung und die bizarre Form dieses Geräts. Nur die untere Stellfläche war eben. Der Rest schien aus mindestens zwanzig zusammengesteckten Elementen zu bestehen. Die Kabel zu dieser Mini-Maschine hatten durchweg Zickzack-Form. An einer Seite ragten sechs kleine Tentakel aus dem Gerät heraus. Ganz wohl war mir nicht. Aber es überwog, wenn auch knapp, meine Neugier. Als der Aufbau vollbracht war, zog Spudolk willkürlich sechs Bücher aus dem Regal und bat mich, eines davon aufgeschlagen vor einen dreifachen Lichtstrahl zu legen, der aus dem Gerät austrat. Ich zögerte und machte wohl ein ängstliches Gesicht. Er lächelte und hielt seinen Arm in das Lichtbündel, worauf sein Computer kurz fiepte. Gut, das Licht war offenbar ungefährlich. Mit zwei kleinen Tentakeln fixierte Spudolk den Einband. Zwei weitere programmierte er durch Drehen an kleinen gezackten Rädchen so, dass sie die Seiten des Buches umblätterten, während die Schriftzeichen rasend schnell von den Lichtstrahlen abgetastet wurden. Beim Einspeisen des ersten Buches vergingen nur knappe drei Minuten. Von dieser technischen Demonstration war ich echt beeindruckt. Spudolk wiederholte den Vorgang mit den fünf anderen Bänden. Ein bisschen stolz war ich schon darauf, dass vor meinen Augen Texte in meiner Muttersprache auf einem auswärtigen Computer ? vielleicht für alle Ewigkeiten? ? abgespeichert wurden. Meinem Besucher ging es allerdings nicht um die eigentlichen Inhalte. Ziel war ein horrender Crash-Kurs, ein rasantes Erlernen der Grundzüge einer fremden Sprache. Der Vorgang des Eintrichterns muss höllisch anstrengend für meinen Gast gewesen sein. Bei dem eigentlichen Prozedere, das eine knappe Stunde in Anspruch nahm, durfte ich nicht dabei sein. Vielleicht hätte meine Gegenwart ihn zu sehr abgelenkt, vielleicht wollte er auch seine extreme Anspannung vor mir verbergen. Ich akzeptierte die Bitte und verzog mich in mein Schlaf- und Studierzimmer. Na ja, jedenfalls für eine Weile. Meine Neugier war aber so bohrend und piesackend wie ein heftiger Juckreiz. Was soll ich lange drum herum reden, ich gönnte mir unhöfliche fünf Minuten des Kiebitzens. Klar, dass ich mir dabei wie ein mieser Spanner vorkam. Spudolk lag auf dem Rücken, Arme und Beine unnatürlich abgewinkelt. Sein Gesichtsausdruck war gespenstisch verzerrt, die vorher so lebhaften Augen blickten starr ins Nichts. Ganz ehrlich, ich bekam Angst um seine Gesundheit. Am bedrohlichsten wirkte eine dunkelbraune Haube, die er sich über den Hinterkopf gezogen hatte. Diese Haube war durch drei Zickzack-Kabel mit der Maschine verbunden, die rhythmisch tackerte, fiepte, wummerte und unverkennbar auf Hochtouren arbeitete. Besorgt zog ich mich wieder in den Nebenraum zurück. Wenn mein Besucher aus der fremden Welt nun in meiner Wohnung den Löffel abgab, was sollte ich dann tun? Tragisch wäre die Sache schon deshalb gewesen, weil ich ja keine Chance gehabt hätte, seine Angehörigen zu verständigen. Und, mal ganz praktisch gedacht: Wie hätten Sie es angestellt, die Leiche eines Außerirdischen zu beseitigen bzw. zu bestatten? Selbst ein schwerkranker Fremdling hätte mich vor gewaltige Probleme gestellt. Kann man diese Situation einem irdischen Notarzt plausibel machen? Wahrscheinlich hätte der sich mit Hingabe darauf konzentriert, mich zu behandeln. In dieser Stunde wurde mir bewusst, wie gern ich Spudolk schon zu diesem Zeitpunkt hatte. Kein Gedanke mehr daran, dass er mir mein freies Wochenende kaputt machte. Soll ich ehrlich sein? Ich betete sogar darum, dass die Gehirnwäsche da im Nebenzimmer gut ausgehen möge. Beten tue ich höchst selten und wenn, dann mit elend schlechtem Gewissen. Ich wäre als Gott ? wie jetzt schon als Mensch ? höllisch abgenervt von Leuten, die sich nur dann melden, wenn sie irgendwas von mir wollen. Aber mag sein, dass diese Skrupel auch nur dem irdischen Denkgefängnis entspringen. Spudolks Kraftakt ging gut aus. Als ich hörte, wie er seine Gerätschaften wieder einpackte, ging ich endlos erleichtert zu ihm hinüber. Der Fremde wirkte erschöpft, setzte aber dennoch gleich zu einem ersten Satz in der neuen Sprache an: ?Hal-lo ... Du ... wohlfühlen?? ?Ja, mir geht?s gut?, rief ich froh, ?Und ich hoffe doch, Dir auch?? Er brauchte ein paar Augenblicke, bis er kapierte und die Ja-Geste machte. Dann drehte er sich zur Wand und nahm ein paar Schlucke aus einer Art Fläschchen. Erraten Sie die Form dieses Behälters? Spudolk war noch recht schlapp. Ich allerdings hatte einen hellen Moment. Mir fiel der Grund ein, warum sein Volk Dreiecksformen bevorzugte. Es hatte bestimmt mit der Anzahl der Finger zu tun. Spudolk bestätigte mir, die 5 und die 10 seien in seiner Welt ziemlich belanglose, schiefe Zahlen. Mir kam in den Sinn, dass es bei uns dagegen sehr wohl Ansätze des 6er-Systems gibt. Was im Grunde überraschen muss! Man denke an Sekunden und Minuten, an den 24-Stunden-Tag, an Schulnoten, auch an Bienenwaben. Und wir kennen das Dutzend als Mengenangabe. ?Spudolk, kann es sein, dass unsere Erde schon in früheren Zeiten Besuch von Euch bekommen hat?? Er machte die Vielleicht-Geste. Das genügte mir nicht. Um ihm auf die Sprünge zu helfen erzählte ich von Dingen, die manche Leute mit Kontakt zu Außerirdischen in Verbindung bringen. Vom sagenhaften Kontinent Atlantis, seinem Versinken im Meer und dem Auftauchen seiner Überlebenden in verschiedenen Teilen der Welt. Von Jesus Christus. Vom Buch Mormon, denn die Mormonen glauben ja daran, dass den Indianern in Nordamerika etwas später der selbe Gott erschien und einen Heiland schenkte. Wenn ich Spudolk richtig interpretierte, meinte er, seine Leute seien das sicher nicht gewesen. Ein offizieller Erkundungs-Besuch auf unserem Planeten sei historisch nicht überliefert. Allerdings sage dies wenig aus, da die Erde nicht zur Top 60 der interessantesten Planeten zähle. Ich gebe das alles hier mit meinen eigenen Worten wieder, Spudolk erzählte solche Dinge nicht nur wesentlich langatmiger, sondern auch überaus höflich verpackt. Um meinem Gast Zeit zum Erholen zu geben, schlug ich vor, etwas Musik zu hören. Er akzeptierte und bedeutete mir mit Gesten und einzelnen Wörtern, er würde jetzt Instrumentalmusik bevorzugen. Kein Problem. Ich spielte ihm quer durch den Garten vor, was ich so da hatte. Meistens machte er das Zeichen für ?gut? (die flache Hand von der Stirn im Bogen nach oben führen), aber sein Gesichtsausdruck zeigte, dass dies wohl eher einem pluaoxischen Höflichkeits-Ehrenkodex entsprang. Einzig bei Vivaldis ?Die vier Jahreszeiten?, bei zwei Stücken von Tangerine Dream und einer Latin-Nummer von Santana meinte ich, in seinem Gesicht ehrliche Anerkennung ablesen zu können. Schade, eines meiner absoluten Lieblingsstücke, ?Ataraxia? von Klaus Doldingers Passport, gefiel ihm überhaupt nicht. Obwohl es doch ?spacig? beginnt. Einem spontanen Einfall folgend fragte ich den Außerirdischen, wie denn wohl der Titel des größten Hits aller Zeiten auf seinem Planeten lautete. Die Frage gefiel ihm. Er dachte nur kurz über die Antwort nach, brauchte aber Minuten, um die Worte auf Deutsch zusammen zu bekommen. Bei seiner Antwort reihte er sorgfältig ein Wort an das andere. ?Stell ... Dir ... mal ... vor ... Tag ... vor ... dem ... Heute?. Seine Aussprache der für ihn völlig fremden Worte war sehr ordentlich. Trotzdem musste ich mir das Lachen verbeißen. Was für ein beknackter Titel! Erwartet hätte ich etwas wie ?Wenn das Raumschiff den Planten umkreist? oder ?Weltraumbewohner, hört die kosmischen Signale?. Naiv gedacht, das gebe ich zu. Kurz entschlossen aktivierte Spudolk wieder seinen seltsamen Reise-Computer und stöpsel-te ein anderes Zickzack-Kabel ein, an dessen Ende drei dreieckige Zusätze befestigt waren. Zwei davon waren weich und wurden in meinen Ohrlöchern versenkt. Das dritte, eine gummiartige Platte, klebte Spudolk mir zu meiner Verblüffung auf die Stirn. Seine Erklärung sollte wohl ausdrücken, dies gehöre zu einem vollen Klangerlebnis dazu. Na gut, von mir aus. Was soll ich sagen, Spudolk hatte wieder einmal Recht. Inzwischen habe ich meine Walkman- und Discman-Kabel entsprechend ergänzt und umgerüstet. Man hört vor allem die Bässe wirklich intensiver, wenn die Stirn mitschwingen kann. Das Musikstück, das ich zu hören bekam, dauerte etwa zwanzig Minuten. Es erschien mir zuerst seltsam unrhythmisch und viel zu kompliziert, wie ein säuselnder Klangteppich. Für irdische Hörgewohnheiten ziemlich langweilige Musik. Dieser erste Eindruck änderte sich nach fünf Minuten. Ich konnte mich besser einstellen auf den ungewohnten Sound und spürte, wie mich ein wohliges Gefühl durchströmte. Allmählich versank ich immer tiefer in diesem verschachtelten Notengeflecht. Langsam schien die Intensität zuzunehmen und ich hörte sehr schöne Melodieschnipsel heraus. Rhythmus und Takt stellten sich plötzlich auch ein. Als das Stück ausblendete, wollte ich es unbedingt noch einmal anhören. Spudolk konnte seinen Stolz nicht verhehlen. Beim zweiten Mal tat sich mir schon nach den ersten Tönen eine faszinierende Klangwelt auf. Bei aller fremdartiger Instrumentierung und dem ungewohnten Arrangement kamen mir einige Melodiebögen seltsam bekannt vor. Wie war doch gleich der Titel dieser Musik gewesen? ?Stell Dir mal vor den Tag vor dem Heute?. Plötzlich fiel es mir ein und ein fröstelnder Hauch kosmischer Faszination ergriff Besitz von mir. Ich gestehe es ein, ich bekam sogar feuchte Augen. Aus diesem fremden Klanggebilde waren ohne jeden Zweifel die Melodien von Paul McCartneys ?Yesterday? und John Lennons ?Imagine? heraus zu hören. Für mich der unerschütterliche Beweis, dass es so etwas wie kosmische Inspiration geben muss. Als Spudolks Kräfte zurückgekehrt waren, erklärte er mir, wie er diese zwei Tage mit mir zu gestalten beabsichtigte. Ich gab schon mal im Voraus mein Okay. Es ist ganz schön, einmal zwei Tage lang alle wichtigen Entscheidungen einem anderen zu überlassen. Vorausgesetzt, dieser andere ist einem wohlgesonnen. Dass ich Spudolk vertrauen konnte, stand für mich inzwischen fest. Der freundliche Weltraum-Mann sprach von seiner großen Neugier fremden Zivilisationen gegenüber, von seiner ausgeprägten Sammelleidenschaft und von zwei Anliegen, die er an mich habe, die ich aber erst am Sonntag erfahren sollte. Bis dahin könnten wir beide uns näher kennen lernen, schlug er vor, und ich könnte ihm gern Fragen zu kosmischen Themen stellen. Auch einen Erdbewohner würde doch bestimmt interessieren, wie es anderswo zuginge. Dann äußerte er die Bitte, die Zeit bis zu seiner morgigen Abreise in meiner Wohnung verbringen zu dürfen. Ich fühlte mich geschmeichelt und war schon jetzt fasziniert genug, um damit kein Problem zu haben. Die kleine Führung durch meine damalige 2-Zimmer-Wohnung war ungeheuer zeitaufwän-dig. Spudolks schier unglaubliche Langsamkeit war eine absolute Herausforderung, obwohl mein Gast gar nicht so viel Interesse zeigte und selten nachfragte. Ihr Mütter und Väter dieses Planeten, wenn Ihr in Eile seid und Euch über die Trödelei Eurer Knirpse ärgert ? vergesst es. Das sind Erdnüsse gegen die Geduld, die einem ein langsamer Außerirdischer abverlangen kann. Glaubt einfach einem Auserwählten, der diesen Kontakt gehabt hat. In dieser Phase war mir noch nicht bewusst, dass in Spudolks heimischer Welt zwangsläufig ganz andere Vorstellungen von Zeit herrschen müssen. Am Abend dieses ersten Tages sollte ich noch erfahren, dass eine Rotation des Planeten Pluaox immerhin etwa so lange dauert wie fünf Umdrehungen der Erde. Anders ausgedrückt: Fünf irdische Tage entsprechen der Zeitdauer eines pluaoxischen Tages. Allein dieser Umstand relativiert vieles! Er erklärt auch die Tatsache, dass Spudolk während dieses Wochenendes keine einzige Sekunde geschlafen hat. Ja, andersherum: Die Besuchsdauer von zwei irdischen Tagen wurde bewusst gewählt, damit sein Anflug auf die Erde, sein Aufenthalt und die etwas kritische Startphase bequem in seine gewohnte Wachzeit fiel. ?Spudolk, wo hast Du eigentlich Dein Raumschiff geparkt?? ?Deckel ... von ... Haus.? Er zeigte mit zwei Fingern nach oben. ?Auf dem Dach? Aber da wird man es doch sehen!? ?Wohl ... tarnen.? Vergebens versuchte ich, vom Balkon aus etwas zu erkennen. Die Tarnung musste wirklich perfekt sein. Nun, dieser erfahrene Raumreisende würde schon kein Risiko eingehen. |
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Sonntag, 24.12.2006 - 07:46 - Von
MarkoMaster
Ein bisschen mehr Friede und weniger Streit, Ein bisschen mehr Güte und weniger Neid, Ein bisschen mehr Wahrheit immerdar, Und viel mehr Hilfe bei jeder Gefahr. Ein bisschen mehr "Wir" und weniger "Ich", Ein bisschen mehr Kraft, nicht so zimperlich Und viel mehr Blumen während des Lebens, Denn auf den Gräbern da sind sie vergebens. Zeit, die einmal vergangen, der Mensch holt nie wieder sie zurück. Ob es ein Fest ist, eine Feier, ob es Schmerz war oder Glück. Er plant für später oder morgen, doch weiß er, ob er dann noch ist? Drum Mensch bedenke eines immer dass du das Heute nicht vergisst! |
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